Werte und Moral

In der "westlichen Welt" waren Freiheit, Demokratie und Frieden seit langer Zeit nicht mehr so gefährdet wie heute. Die eigentliche Bedrohung kommt aber weniger von außen sondern ist besonders gefährlich, wenn sie unsere Überzeugungen und unsere Gesellschaft von innen her zersetzt. Steht uns eine Zeit bevor, in der Demokratie, Pluralismus und unserer offenen Gesellschaft zerfällt und die von Abgrenzung, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und der Unterdrückung von Minderheiten geprägt ist. Die Anzeichen sind unübersehbar. An Phänomenen wie Wutbürgertum, postfaktischen Kampagnen, Rechtspopulismus, Brexit, Trump, US-regierungsamtlichen "alternativen Fakten" (vulgo: Lügen), Europafeindlichkeit, Verbreitung von "Fake News", Angst und Hass, Manipulation der Massen auf der Basis von "Big Data" und mittels "Social Bots" wird das zunehmende Problem der Gefährdung unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts deutlich[1]. Es ist, als ob die Urteilsfähigkeit der Menschen mehr und mehr verloren geht in einer Welt der Beschleunigung, Informationsüberflutung und zunehmenden Oberflächlichkeit.

Welche Ursachen hat der aktuelle Sturm gegen unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt? Wie können wir diesem begegnen? Sicher sind auch äußere Ereignisse zu beobachten, die uns zunehmend zu verunsichern suchen. Wir können fragen, ob bewusst Desinformationen von bestimmten Gruppen, Parteien und aus anderen Ländern über das Internet in unsere offene Gesellschaft gestreut werden und die Folgen der Regierungsübernahme durch Trump trägt sicher nicht zur Beruhigung bei. Letztlich zielt aber all dies auf unser Inneres. Der Schlüssel um sich dagegen zu wappnen liegt in jedem selbst.

 

Unseres Erachtens gilt es, sein eigenes Selbstbewusstsein für Werte und Moral selbstkritisch zu überprüfen, seinen Standpunkt gegen die Rechtspopulisten zu stärken und für Freiheit, Frieden und Demokratie in Europa einzutreten.

 

Wie aber stellen wir sicher, dass wir dadurch nicht einerseits in Dogmatismus oder auf der anderen Seite in Beliebigkeit verfallen? Wo liegen die Wurzeln, auf denen sich Grundwerte gründen und die in jedem einzelnen Menschen den ruhenden Pol bilden, sobald er universale Werte und Moral in seinem Selbstbewusstsein aufgenommen hat?

Wir stehen in unserer Kultur in einer Tradition von Christlichen Werten, Humanismus und Aufklärung. Daraus entwickelte sich die Trennung zwischen Religion und Staat. Fragen wir im Zusammenhang von Werten und Moral also nach "Leuchttürmen" in der Geschichte unserer Kultur, so muss man aus unserem heutigen Verständnis heraus diese beiden Strömungen - geistlich und weltlich - betrachten. Der Anfangspunkt der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, die Genesis, ist dabei unseres Erachtens der erste Fixpunkt. Darin sind bereits Anfang, Werte und Ziel des Christentums skizzenhaft erkennbar und zugleich zeigt dies einen Ausgangspunkt zur Verständigung über Religions- und Kulturgrenzen hinweg.

Der entscheidende Entwicklungsschritt unserer Kultur zu der Freiheit, wie wir sie heute schätzen und denken, der im Fachjargon auch der Übergang zu einer "vollständig reflexiven Kultur" genannt wird, ist in anerkannt beständigem Maße vom Denken des Immanuel Kant beeinflusst. Dies ist der zweite Fixpunkt den wir hier betrachten wollen. In diesen Zusammenhang passen unseres Erachtens die Aufrufe von Frank-Walter Steinmeier und auch Papst Franziskus, an unserem Denken zu arbeiten[1, 9, 11]. Kant sieht das Denken in drei unterschiedliche Fähigkeiten gegliedert: Verstand, Vernunft und Urteilskraft[5]. "Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht." warnt Papst Franziskus[11]. Zentral ist unseres Erachtens auch die Erkenntnis Kants, dass die Moral den Frieden in unserer pluralistischen Gesellschaft gewährleistet[5]. Arbeiten wir also daran, dass wir unsere Werte, Vernunft, Moral und Urteilskraft stärken um gegen all die selbsternannten Rettern immun zu werden, die uns heute mit ihren einfach klingenden Parolen einfangen wollen, tatsächlich aber verbissen daran arbeiten die Grundfesten unserer Gesellschaft zu zerstören!

 

Unsere Gedanken zu Werte und Moral haben wir wie folgt gegliedert:

Ergebnis: nimmt man unsere Grundwerte (Grundgesetz), die grundlegenden christlichen Werte und den Kategorischen Imperativ Kants als Kriterien, so kann man schnell Trump, AfD und Co. enttarnen. Die Parolen, Programme und Taten der Rechtspopulisten zeigen, dass sie unseren Werten widersprechen, eine Moral wie sie Grundlage unserer Kultur ist nicht (aner-)kennen und sie - kommen sie denn an die Macht und können ihre zerstörenden "Einfachlösungen" umsetzen - den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Demokratie und den Frieden zerstören.

Gleichzeitig müssen wir erkennen, dass auch die etablierten Parteien und die Gesellschaft selbst noch sehr viel zu tun und zu verbessern haben, um dem hohen Anspruch von Werten und Moral wie wir es hier definiert haben zu erfüllen. Wehren wir uns aber nicht erfolgreich gegen die Zerstörung unserer Art zu leben, so rücken Lösungen für die sozial-ökologische Krise (siehe auch Kernfragen) in weite Ferne mit dramatischen Folgen für uns selbst und noch stärker für folgende Generationen.

Werte

Westliche Werte

Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft rufen dazu auf, dass wir uns dieser Herausforderung stellen. Der Schlüssel zur Verteidigung unserer Kultur und zur Verteidigung von Demokratie, Freiheit und Frieden liege in der Besinnung auf unsere Werte und den "moralischen Kompass" in uns, der die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in unseren Gesellschaften ist:

  • Angela Merkel (11.11.2016 / Gratulation an Trump):
    Für die zukünftigen Zusammenarbeit pocht sie auf die Achtung der westlichen Werte: "Demokratie, Freiheit, den Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung".
  • Barack Obama (November 2016 / Abschiedsreden in Athen und Berlin):
    Er hob die Errungenschaften westlicher Werte und der Demokratie hervor: "Religionsfreiheit, Gewaltenteilung und Menschenrechte". Er wies darauf hin, dass Länder mit demokratischer Führung gerechter, stabiler und erfolgreicher seien: "Die europäische Integration und die europäische Einigung bleiben eine der größten politischen und wirtschaftlichen Leistungen der Menschheitsgeschichte. Die Welt braucht heute mehr denn je ein Europa, das stark, wohlhabend und demokratisch ist." Er ist aber auch selbstkritisch und nennt als eine der größten Herausforderungen für die moderne Demokratie die wachsende Ungleichheit. Diese sorge für ein "tief empfundenes Gefühl der Ungerechtigkeit". Der Weg, den die Globalisierung genommen habe, bedürfe einer Kurskorrektur.

  • Frank-Walter Steinmeier (November 2016 / Warnung vor der Bedrohung der Demokratie durch postfaktisches Klima):
    "Der Glaube an eine bessere Welt kann Berge versetzen, aber nur die Vernunft vermag uns vor gefährlichen Irrwegen zu bewahren"[1]

  • Joachim Gauck (24.12.2016 unter dem Eindruck des Terroranschlags in Berlin):
    "Wir spüren die Angst – aber: Die Angst hat uns nicht. Wir spüren die Ohnmacht – aber: Die Ohnmacht hat uns nicht. Wir spüren die Wut – aber: Die Wut hat uns nicht.

Mit der Wahl von Trump zum 45. Präsidenten der USA verschärft sich diese Situation

  • Frank-Walter Steinmeier (22.01.2017):
    "Mit der Wahl Donald Trumps ist die alte Welt des 20. Jahrhundert endgültig vorüber. Welche Ordnungsvorstellungen sich im 21. Jahrhundert durchsetzen werden ... ist völlig offen. Die Welt muss sich auf unruhige Zeiten einstellen."[9]
  • Papst Franziskus (20.01.2017):
    Papst Franziskus gratulierte Trump und bittet den frisch vereidigten Präsidenten, für die Armen Sorge zu tragen und moralische Werte zu schützen. Franziskus sagt Trump sein Gebet dafür zu, dass Gott ihn mit Weisheit und Stärke für dieses hohe Amt ausstatten möge.[10]
  • Papst Franziskus (24.01.2017):
    "Warten wir ab, was er macht, und danach wird bewertet" sagte der Papst auf die Frage, ob ihm Trump keine Sorge bereite. Gleichzeitig warnte er vor Rechtspopulismus. In Krisenzeiten suchten die Völker oft nach Rettern, die sie mit Mauern und Stacheldraht vor anderen Völkern beschützen, die uns unsere Identität nehmen könnten. Als warnendes Beispiel nannte er das Naziregime im Deutschland der 1930er Jahre: "Adolf Hitler hat nicht die Macht geklaut. Er wurde von seinem Volk gewählt und danach hat er sein Volk zerstört", sagte der Papst und fügte an: "Darin liegt die Gefahr. Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht." Daher sei Dialog in solchen Zeiten sehr wichtig.[11]

Es gibt sie also: Lichtblicke basierend auf Werten und Moral. Es sollte für jeden Deutschen eine Selbstverständlichkeit sein, sich vorbehaltlos zu unseren Grundwerten, zu unserem Grundgesetz und zur europäischen Einigung zu bekennen, die uns mehr als 70 Jahre Friede und Freiheit beschert haben. Schon alleine daraus leitet sich die Verbundenheit zu den Verfassungen andere Länder und der Präambel der Charta der UNO ab, die die gleichen Werte teilen. Schon alleine deshalb sollte jedem bewusst sein, dass unsere freie und offene Gesellschaft von Pluralismus und Wertepluralismus geprägt ist sowie Offenheit und Toleranz für uns unverzichtbar sind.

 

Christliche Werte

Christliche Werte

Genesis - Werte, Gut und Böse

Der christliche Glaube nimmt für sich in Anspruch, von sich her der Vernunft verpflichtet zu sein. Von "Kirchenvater" Augustinus (354-430), Anselm von Canterbury (1033-1109), Thomas von Aquin (1225-1274), Benedikt XVI (*1927) bis zu Franziskus (*1936) gibt es dafür zahlreiche Beispiele. Die grundsätzlich positive Haltung zur Vernunft hat besonders in der katholischen Tradition stets dominiert[3].
In der Zeit der Aufklärung war Bibelkritik eine grundlegende Arbeit, die vielen der damaligen Zeitgenossen zwar nicht gefiel. Sie unterschied aber den Kern dessen, was uns die Texte aus der religiösen Tradition sagen von weltlichen Machtansprüchen durch Klerus, Königen und Fürsten und "reinigte" sozusagen die Art und Weise, wie wir heute mit dem Erbe der religiösen Tradition umgehen können.

Wie oben genanntes Steinmeier Zitat so treffend zeigt, ist solch kritische Betrachtung mittels unserer Vernunft wieder hochaktuell um sowohl die Religionen als auch unsere auf Werten basierende Gesellschaft vor Extremismus und den vergifteten Parolen der Populisten zu schützen.

 

Zur Betrachtung der Genesis greifen wir deshalb auf eine aktuelle Veröffentlichung zurück, in der Philosophen kritisch die Genesis lesen[4]. Zusammenfassend zeigen die Beiträge zu "Die Schöpfung" von Hans Blumenberg und Saskia Wendel die Werte Würde, Freiheit, Verantwortung, Moralität und Liebe die Gott zugeschrieben werden. "Gott schuf den Menschen nach seinem Bild". Diese "Gottesbildlichkeit" zeigt das christliche Verständnis vom Sinn des Lebens: sich diesem Bild folgend zu entwickeln und sie begründet die Werte der Menschenwürde und dem Auftrag die Erde zu hüten und zu bewahren:

  • "Die Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) wird für Juden und Christen gleichermaßen zum zentralen Punkt der Schöpfungstheologie und zum Beleg für die vollkommene Freiheit Gottes" sagte Hans Blumenberg[4].
  • Prof. Saskia Wendel weist bei der Analyse zu "Die Schöpfung" auf ebenfalls zentrale Punkte hin[4]:
  • 1. Der biblische Schöpfungsakt sei der spontane Akt eines frei handelnden Gottes: "Gott hat in seiner Liebe und seiner Vollkommenheit gesagt, ich will, dass ein anderes sei, und ich will mich daran binden". Gott schließt einen Bund. Er bindet sich an seine Schöpfung und übernimmt Verantwortung für sie. Zudem gehört zum biblischen Verständnis der Allmacht Gottes auch die Vorstellung der Moralität Gottes, dass er diese Verantwortung übernimmt und dies unwiderruflich ist.
  • 2. "Gott schuf den Menschen nach seinem Bild". Diese ganz wichtige Verhältnisbestimmung in der Schöpfungsgeschichte, die Gottesbildlichkeit, zeigt, dass der Mensch von Gott abhängig ist weil er sich ihm verdankt. Aber dadurch, dass er Bild Gottes ist, wird ihm eine unendliche Würde zugesprochen, weil er Gott in bestimmten Aspekten entspricht. Zum Beispiel in seiner Freiheit, oder in seinem Auftrag die Erde zu hüten und zu bewahren und sie sich untertan zu machen. Dies ist kein Auftrag zur Willkürherrschaft, sondern dazu, Verantwortung zu übernehmen. Das entspricht der Freiheit und Verantwortungsübernahme Gottes für die Welt und den Menschen.

Zum Thema Gut und Böse sowie der Gerechtigkeit bietet die christliche Tradition viele Erzählungen, die die Bildung unsere Werte und Moral unterstützen.
In der Geschichte vom Paradies und dem Sündenfall werden zwei Bäume genannt: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Vom Letzteren verbietet Gott Adam zu essen. Bekanntlich war die Neugier in Eva und Adam stärker als der Gehorsam. Dieser Moment wird in der christlichen Tradition als tragischer Moment empfunden. Die Vertreibung aus dem Paradies und die Sterblichkeit sind  der Preis für das Übertreten des Verbots. In der christlichen Tradition wird der Sündenfall zur Erbsünde während die jüdische Tradition und der Islam uns als Erben der Sünde Adams sieht, aber kein Vererben der Sünde selbst annimmt.[4]

Erzählungen von Handlungen, die böse sind, lassen denn auch nicht lange auf sich warten. Die Gewalt, der Mord, tritt schon in der zweiten Generation der Menschheit auf, bei Kain und Abel. Gott behält sich die Strafe Kains vor indem er ihn verdammt, aber zugleich die menschliche Rache an ihm verbietet. Das "Kainsmal", das Zeichen, das Gott Kain gibt, ist Stigma aber auch Schutz und Zeichen des göttlichen Richteranspruchs.[4]

In seiner Interpretation der Kain und Abel Geschichte wies bereits Aurelius Augustinus (354-430) auf das böse Potenzial von Neid und Eifersucht hin: "es war jener teuflische Neid, den die Bösen wider die Guten hegen, aus keinem anderen Grunde, als weil diese gut sind und sie selber böse". Er weist auf eine Hierarchie dieses ewigen Kampfes hin, der auch im Innern des Menschen stattfindet:  "es kämpfen ... gegeneinander Böse und Böse, und ebenso kämpfen gegeneinander Böse und Gute. Gute und Gute jedoch können, wenn sie vollkommen sind, nicht miteinander kämpfen. Die Fortschreitenden aber und noch nicht Vollkommenen können es insofern, als jeder Gute mit dem Teil seines Wesens gegen den anderen kämpfen kämpft, mit dem er sich auch selbst bekämpft."[4]

Das Zitat von Joachim Gauck spricht diesen Kampf an, der in jedem toben kann, der von dem Bösen betroffen ist bzw. mitfühlt: "Wir spüren die Angst – aber: Die Angst hat uns nicht. Wir spüren die Ohnmacht – aber: Die Ohnmacht hat uns nicht. Wir spüren die Wut – aber: Die Wut hat uns nicht." Es geht darum, wer Herr im eigenen Hause, im eigenen Innern ist: das Gute (Werte, Vernunft, Moral) oder ob wir uns von unseren eigenen Trieben beherrschen lassen und selbst irrationale oder böse Handlungen in Betracht ziehen oder sie gar ausführen.

 

Immanuel Kant: Bibelkritik

In "Mutmaßlicher Anfang der Menschheitsgeschichte" legt Immanuel Kant (1724-1804) seine Sicht der Geschichte vom Paradies dar. Den Sündenfall sieht Kant nicht als Straftat, sondern als einen notwendigen Schritt zur geistigen und moralischen Entfaltung des Menschen. Der "Ausgang" des Menschen aus dem vorgestellten Paradies zeigt laut Kant das Erwachen der menschlichen Vernunft und zugleich die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Im Paradies, also im Naturzustand, ist der Mensch noch ganz Instinktwesen bis sich die Vernunft rührt und ihn auf die Bahn einer höheren sittlichen Entwicklung führt: "Der Instinkt, diese Stimme Gottes, der alle Tiere gehorchen, musste den Neuling anfänglich allein leiten. ... Von dem Naturtrieb abtrünnig zu werden, ... sich seiner Vernunft als eines Vermögens bewusst zu werden, das sich über die Schranken, worin alle Tiere gehalten werden, erweitern kann, war sehr wichtig und für die Lebensart entscheidend. ... Weigerung war das Kunststück, um von bloß empfundenen zu idealischen Reizen, von der bloß tierischen Begierde allmählich zur Liebe und mit dieser vom Gefühl des bloß Angenehmen zum Geschmack für Schönheit ... an Menschen ... und auch an der Natur überzuführen. Die Sittsamkeit ... gab überdem den ersten Wink zur Ausbildung des Menschen als eines sittlichen Geschöpfs."[4]

Spiegeln wir dies an dem, was wir oben unter "Christliche Werte" besprochen haben, so wird erkennbar, das Kants Denken nicht einen Bruch mit den Christlichen Werten bedeutet. Freiheit und Verantwortung, die Verantwortung für die eigene Entwicklung zur Moralität, geht auf denjenigen über um den es letztlich geht: den einzelnen Menschen. Verantwortung ist untrennbar mit der Freiheit verbunden. Davor kann sich letztendlich kein Mensch verstecken, diese Verantwortung an einen geistigen Führer abgeben oder meinen er könne durch Almosen und Einwurf kleiner Münzen in den Klingelbeutel sich von seiner Verantwortung freikaufen.

 

Aufklärung - Kant

Immanuel Kant: Aufklärung

Kant definiert Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."

Wie hochaktuell dies ist, sehen wir an dem zunehmend gefährlichen Rechtspopulismus, der in USA und Europa Fahrt aufnimmt. Oben genannte Zitate von Papst Franziskus und Frank-Walter Steinmeier aus dem Januar 2017 rufen dazu auf, die Bedrohung von Freiheit und Friede zu erkennen. Dazu müssen wir offenkundig an unserem Denken arbeiten, das sich nach Kant in die drei Fähigkeiten des Verstandes, der Vernunft und der Urteilskraft gliedert. "Das Urteilsvermögen funktioniert in Krisenzeiten nicht." warnt Papst Franziskus. Arbeiten wir also daran, dass wir unsere Werte, Vernunft, Moral und Urteilskraft stärken um gegen die selbsternannten Retter und "Urheber alternativer Fakten (vulgo Lügen)" gewappnet zu sein!

 

Wir sehen heute Kant als den klassischen Philosophen unserer Epoche - der Moderne. Es sei Kants epochale Leistung, erkannt zu haben, was Modernität für unsere Orientierung im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns bedeutet. Drei Strukturmerkmale kennzeichnen die modernen Kulturen: vollständige Reflexivität, Profanität und Pluralität[5].

  • Vollständige Reflexivität: moderne Kulturen können sich nicht länger auf etwas beziehen, was Kultur und damit menschlicher Verfügung entzogen wäre (z.Bsp. Gott, Götter, Dämonen, Natur). Es gibt keine höhere Instanz als das kulturelle "Wir". Der Preis für Freiheit und die Autonomie im Wissen, unabhängig von Traditionen und Autoritäten ist, dass es nur subjektive Gewissheit gibt.
    Kant zeigt, dass daraus die Notwendigkeit der Selbstkritik der Vernunft folgt. Ohne diese kann es keine vernünftige Philosophie geben.
  • Profanität: Profan bedeutet das Weltliche. Die politische Macht gibt es nicht mehr von "Gottes Gnaden" sondern geht vom Volk aus. Das Rechtssystem ist nicht länger Vollstrecker göttlicher Gebote sondern von Menschen gesetztes Recht und im Bereich der Moral ist Religion Privatsache.
    Kant: Die kritische Vernunft ist autonom geworden. Der Preis dafür ist, dass es keine Objektivität mehr geben kann. Die Vernunftkritik gleiche einem Gerichtsverfahren, in dem die Vernunft die verschiedenen Rollen des Angeklagten, Anklägers, Verteidigers und Richters selbst übernehmen muss.
  • Pluralität: Kulturen, die ohne göttliche Weisungen und Offenbarungen auskommen müssen, bleibt nichts anderes übrig als ihre Weltdeutung und Handlungsnormen selbst zu erfinden und zu verantworten. Diese sind aber immer umstritten da viele Menschen zu beteiligen sind. Moderne Kulturen sind deshalb immer ohne eine natürliche oder gottgewollte Mitte. Sie sind dezentriert und erhalten sich nur im Zusammenspiel der verschiedenen kulturellen Mächte und Instanzen. Dies führt zu Konflikten, die oft genug in offene Kriege übergehen.
    Kant sieht, dass die moderne Pluralität eines inneren Zusammenhalts bedarf. Kants Moralprinzip, der Kategorische Imperativ, bietet hier den Ausweg. Das formale an der kantischen Ethik hat den Vorteil, dass es uns die Entscheidung darüber, wie wir leben wollen, selbst überlässt, und uns nur dazu verpflichtet zu überlegen, ob dies mit der freien Entscheidung anderer, die anders ausfällt, verträglich ist oder nicht. So ergibt sich eine Rechtsordnung, die die Menschen nicht bevormundet und doch den Frieden unter ihnen garantiert.

 

Immanuel Kant: Moral

In seiner "Kritik der praktische Vernunft" entwickelt Kant den Kategorischen Imperativ. Er sieht ihn als Sittengesetz, als Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft. Sein Ansatz umfasst neben der Moral im engeren Sinn auch die Prinzipien des Rechts und der Politik - mithin des gesamten menschlichen Handlungsfelds. (Anmerkung: Kant verwendet die Begriffe Ethik und Moralphilosophie synonym). Kants Vernunftethik, seine Moralphilosophie die in der reinen Vernunft gründet, unterscheidet sich von der Wert- und der Güterethik (Gründerväter: Platon, Aristoteles) indem er sich ausschließlich am Sollen und Gesollten orientiert.[5]

Moralisch handelt demnach nur derjenige, der sich nicht von sinnlichen Bestimmungsgründen leiten lässt. Nicht wechselhafte Triebe, Bedürfnisse und Neigungen sollen den Willen bestimmen, sondern allein die Pflicht, dem Sittengesetz zu folgen. Nur dann handelt der Mensch nicht fremd-, sondern selbstbestimmt und rational. Freiheit - für Kant der Grundbegriff der Moral - heißt nicht Schrankenlosigkeit, sondern ist der Verantwortung verpflichtet so zu handeln wie es das eigenen Gewissen erkannt hat. Kategorisch heißt der Imperativ, weil er ohne jede Einschränkung gültig ist womit er als allgemein gilt. Diese strenge Allgemeinheit wird zum Maßstab der Sittlichkeit: Sittlich handelt nur der, der sich an verallgemeinerungsfähigen Prinzipien ("Maximen") ausrichtet.

 

Kant entwickelt das Prinzip der Menschenwürde unabhängig von der theologischen Deutung, die sie ja in der Gottesbildlichkeit begründet sieht. Die Grundlagen für Kant sind Freiheit, reiner Vernunft, vernünftiger Wille: "Da der vernünftige Wille nur dem Gesetz unterworfen ist, das er sich als freier selbst gibt, und dies für jeden Menschen als Person zutrifft, hat jeder Person teil an einem durch Freiheit des Willens möglichen Reich der Zwecke, es mag nun sein als Glied, oder als Oberhaupt".[5]

 

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Was lernen wir daraus?

Die Wirrungen und Irrungen der aktuellen politischen Lage und des postfaktischen Desinformations-Tsunami haben uns veranlasst, uns auf unsere Kultur zu besinnen und uns mit unseren Werten und Moral zu beschäftigen. Daraus leiten wir folgende Thesen ab:

  1. Wir wollen unser Leben in Freiheit und Frieden fortführen und verteidigen. Es gilt, sich eindeutig und klar zu unserer Demokratie, Rechtsstaat und unseren Werten zu bekennen und dafür einzustehen.
  2. In unserer Kultur, in unserer Demokratie kann es keine Leitkultur geben. Pluralität ist ein Grundelement, ja eine Voraussetzung für unsere Demokratie (siehe auch [8]).
  3. Nur durch eine Orientierung an gemeinsam akzeptierten Werten und Moral kann der inneren Friede sichergestellt werden: in uns selbst, in unserem Land, in Europa.
  4. Beide Wege (christlich und weltlich)
         - die Orientierung an Christlichen Werte und am Christlichen Weltbild zur Weiterentwicklung des Menschen
         - eine Moralethik, die sich an den Grundpfeilern des Denkens der Aufklärung orientiert (Kant)
    führen zu oben genannten Zielen. Andere Religionen und andere Weltanschauungen können ebenfalls zum gleichen Ziel führen. Für alle gilt, dass sie sich nicht durch Extremisten und Populisten vereinnahmen und missbrauchen lassen.
  5. Vernunft und Urteilskraft sind die Voraussetzungen, Extremisten und Populisten nicht auf den Leim zu gehen. Alleine der Verstand, ein hoher IQ oder wirtschaftlicher Erfolg reichen offenkundig nicht aus wie die deutsche Geschichte der 1930ér Jahre und der heutige Rechtsruck eindrucksvoll zeigen.
  6. Um Gut und Böse klar unterscheiden zu können, ist ebenfalls Kants Sicht hilfreich. Er sieht eine Ebene im Menschen, in der Vernunft, die regulative Ideen, Moral und Religion beheimatet sind. Wir müssen diese Ebene klar von der Ebene des Unbewussten, der Triebe unterscheiden, in der sich Gier, Geltungssucht, Neid, Eifersucht, Hass, usw. abspielt.
  7. Die eigene Vernunft und Urteilskraft zu schulen ist Aufgabe jedes Einzelnen. Diese Selbstschulung und der Aufbau des eigenen Selbstbewusstsein ist das stärkste Mittel gegen die Angriffe, die unsere Art in Friede und Freiheit zu leben zerstören wollen:
       - als Empfänger von Informationen entwickeln wir uns weiter und können im Informations-Tsunami
         wichtige Nachrichten von geistigem Müll unterscheiden
       - als Sender von Informationen bietet sich unten genannter Weg der Aufklärung "zweiter Ordnung" an
       - Mittler wie Facebook, Google, Twitter, usw... dazu zu bringen, mehr Qualität in die über sie verbreiteten
         Nachrichten zu bringen ist demgegenüber nachrangig, gleichwohl aber vom Staat einzufordern
  8. Um sich selbst moralisch zu schulen bietet sich die Lektüre der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus an (siehe unten). Für den Einzelnen mag es unbequem sein, sich selbst damit auseinanderzusetzen, denn es fordert dazu auf sich zu entwickeln, zu seiner Verantwortung zu stehen und moralisch zu handeln. Diese Anstrengung lohnt sich
       - für jeden Einzelnen und seine moralische Entwicklung
       - für ein Leben in Frieden, Freiheit und Fairness
       - für jeden Christen sollte es ohnehin selbstverständlich sein

Aufklärung "zweiter Ordnung"

Was tun, wenn immer weniger Menschen Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern, Lehrern und anderen, deren Beruf(ung) es ist faktenbasiertes Wissen zu vermitteln, vertrauen? Wie wirken wir der Bedrohung einer "post-truth-Ära" bzw. dem "Ende der Aufklärung" entgegen?

Wahrheits- und Wissenskrisen nicht mehr verschwinden werden. Sie sind, neben aktuellen Anlässen und dem sehr realen Empfinden von Ungerechtigkeit, Ausdruck und Folge einer neuartigen Infrastruktur von Information, ein Tiefeneffekt digitaler Vernetzung. Er warnt aber auch davor folgt, denn darin liege die Neigung zur falschen Zuspitzung, die Verwendung eines rhetorischen Instruments der Polarisierung und die diskursive Selbstaufgabe. Wer Wissen und Fakten kommunizieren will müsse nun "eine Art Zweitberuf ausüben, denn es reicht nicht mehr aufzuklären, indem man Wissen bereitstellt. Notwendig geworden ist eine Aufklärung zweiter Ordnung, die neben der Vermittlung von Inhalten systematisch auch über die Prozesse ihres Zustandekommens informiert und offensiv für die eigenen Rationalitätskriterien wirbt."[2]

 

Lösung der sozial-ökologischen Krise

Wendet man dies auf die Kernfragen an, die immer dringlicher umfassender Lösungen bedürfen, so empfiehlt sich die Lektüre von Laudato si´, der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus[7]. Das erste Kapitel "Was unserem Haus widerfährt" beschreibt auf der Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse umfassend die Lage: die heutige große sozial-ökologische Krise. Der Spannungsbogen von Genesis über die industrielle Revolution bis zu den heute notwendigen Veränderungen bei jedem Einzelnen bis zur globalen Politik zeigt im Zusammenhang, wo wir stehen und bietet einen Lösungsweg, dem entlang wir uns weiterentwickeln können um die Krise zu überwinden[7].