Entgierung

Mahatma Gandhi: Welt - Bedürfnisse - Gier

Noch nie standen wir, die Menschheit, vor einer so überwältigenden Aufgabe. Entweder schaffen wir den großen Wandel zu einem CO2-schlanken Wohlstand oder die Krisen werden zahlreicher und stärker. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass die Dinge global zusammenhängen: Wirtschaft, Politik, Ökosysteme, soziale Verhältnisse. Es geht nicht um viele einzelne Krisen, sondern um eine einzige große sozio-ökologische Krise, die wir nur gemeinsam lösen können. Eine der Aufgaben von Hans-Joachim Schellnhuber (Klimafolgenforscher, Berater von Kanzlerin und Papst) ist, auch den Extremfall zu betrachten. Welches Risiko besteht, wenn die Menschheit es nicht schaffen sollte Klimaschutz konsequent umzusetzen. Dabei wird klar - es geht um nicht weniger als das Überleben der Menschheit.[1]

 

Glücklicherweise

  • gibt es bereits viele Menschen, die sich weder vor dem anstehen Wandel ängstigen noch auf die große Theorie oder gar Politik und Wirtschaft warten. Sie haben einfach schon mal angefangen mit nachhaltig konsumieren.
  • haben es 195 Staaten im Dezember 2015 geschafft, ein historisches Weltklimaabkommen zu vereinbaren, das unvorstellbares Leid und Schäden verhüten wird - sofern es denn schnell und konsequent in Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt wird. Jeder Einzelne, jede Gemeinde und alle Ebenen darüber sind gefordert, die wirksamsten Klimaschutzmaßnahmen zu finden und zügig umzusetzen.

Weizsäcker: Wohlstand durch Effizienz, Erneuerbare und Entgierung

Ein Leben in Wohlstand sei zukünftig möglich, indem wir Effizienzgewinne von 80% erreichen, genutzte Stoffe einschließlich Wasser konsequent wiederverwenden und eine Umstellung auf Erneuerbare Energien durchführen. Damit könnte der Ressourcenverbrauch absolut reduziert werden, wäre da nicht die Erfahrung, dass

  • weiteres Wachstum der Bevölkerung und
  • weiteres Wachstum des Verbrauchsniveaus

diese Fortschritte wieder zunichtemachen - mit der Folge, dass die Ökosysteme erneut vom Zusammenbruch bedroht sein werden meint Ernst Ullrich von Weizsäcker[2]. Er bleibt allerdings nicht bei der Benennung von Wachstum als der Ursache für Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung stehen, sondern geht näher auf zwei entscheidende Punkte ein:

  • Politik: erstens erläutert er den "Rebound-Effekt" und zeigt mit dem Konzept der Ökosteuer einen Lösungsweg, wie wir diesen überwinden können[2].
    mehr: Rebound-Effekt
    mehr: CO2-Steuer - Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen
  • Ethik: zweitens mahnt er einen Kulturwandel in allen Gesellschaften an. "Maßlosigkeit und Gier sind auf Dauer kein Leitwert für eine stabile und überlebensfähige Gesellschaft. Die Tugend der Genügsamkeit muss wiederentdeckt werden."[2]

Die Spirale des Konsums und der Ansprüche dreht sich immer weiter nach oben. Zunächst angetrieben von verständlichen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen, verstärkt durch Wettbewerbsdenken (was der Nachbar hat ...), weiter verstärkt durch Werbung - von der Wirtschaft finanziert und schließlich angetrieben durch die Politik, die weiteres Wachstum predigt und dies als Wählerauftrag missversteht, da es doch um Arbeitsplätze, Staatshaushalte und Renten gehe.[2]

Genau diese Art von Wachstum ist aber die Hauptursache für Klimawandel, Landzersiedelung und Ressourcenplünderung. Es ist auf Dauer nicht nachhaltig und führt schnurstracks in zahlreichere und stärker werdende Krisen. Selbst wenn es gelingt, die Energie- und Ressourceneffizienz um das Fünffache zu steigern und auf 100% Erneuerbare Energien umzustellen, so kann dies letztendlich nicht ausreichen, um alle materiellen Träume einer wachsenden Weltbevölkerung zu erfüllen.[2]

 

Wir alle müssen die Genügsamkeit alter Kulturen wiederentdecken.[2]

 

Um auf die tieferliegenden Ursachen einzugehen, skizziert Weizsäcker zwei sich polar gegenüberstehende Menschenbilder[2]:

  • Egoismus-Wettbewerbs-Menschenbild
  • Kooperations-Kultur-Menschenbild

Der "Egoismus-Wettbewerbs-Menschtyp" ist heute auch als "homo oeconomicus" bekannt. Er geht auf den Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) zurück (Menschenbild der Individualität, des Egoismus und des Kampfes) und wird später durch den Ökonomen Adam Smith (1723-1790) weiterentwickelt (Markt als unsichtbare Hand, die den Egoismus einem guten Zweck zuführt und für die Mehrung von Wohlstand sorgt). Er ist das berechenbare und entseelte Modell des Menschen, das heute die konventionellen Lehrveranstaltungen für Ökonomen prägt und erreichte nach dem Sieg der Marktwirtschaft über den Kommunismus in 1990 einen dominierenden Stellenwert. Wie durchschlagend dieses Denken in den letzten 200 Jahren gewirkt hat lässt sich allerdings am besorgniserregenden Zustand des Klimawandel und unserer Ökosysteme ablesen. Dabei müsste man sich nur Hobbes und Smith entsinnen um klar zu sehen, dass als egoistisch und streitsüchtig unterstellte Menschen einer Zügelung durch die Gesellschaft bedürfen. Der Markt kann nicht alles leisten und er kennt keine Moral. Es ist der Staat, der die Leitplanken setzen muss um öffentliche Ordnung und Gemeinwohl in solch einem System aufrechtzuerhalten. Ein Gleichgewicht von Markt und Staat ist deshalb unverzichtbar. Das Tragische ist, dass dies seit den 1980er Jahren und nach 1990 verloren gegangen ist.[2]

 

Auf der anderen Seite gibt es das Menschenbild der Kooperation mit der Auffassung, dass Gesellschaften ohne soziale Bindung gar nicht überleben können. Die Anthropologin Mary Clark sieht dabei drei Grundbedürfnisse: Bedürfnis nach Bindung, Bedürfnis nach Autonomie und der Suche nach dem Sinn in allem und sie nennt das, was sich anstelle christlicher oder anderer kultureller Werte heute weltweit mit dem Wettbewerbsdenken durchgesetzt hat, eine neue "Religion des Kapitalismus des freien Unternehmertums".[2][5]

 

Westliche Werte, christliche Werte

Wer kennt das nicht? Jemand ärgert sich über ein Knöllchen und pöbelt die nette Politesse an. Oder es geht hoch her bei einer Bürgerversammlung um etwas vor der eigenen Haustür (Geothermiekraftwerk, Windräder, Stromtrassen oder Ähnliches); im Saal werden Andersdenkende ausgebuht und niedergebrüllt. Die Steigerung sehen wir in Deutschland 2015/2016 zum Flüchtlingsthema. Die Spirale von Selbstbezogenheit, Egoismus, schlechtem Benehmen, Beschimpfungen steigert sich mancherorts zu Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt.

 

Wo liegen die Ursachen. Deutschland ist doch eine gefestigte Demokratie, die auf christlichen Werten basiert.

 

Vor dem Hintergrund des Flüchtlingsthemas wies Angela Merkel auf die Werte hin, auf denen unsere Gesellschaft beruht und gab ein Interview in der FAZ, in dem sie die Christen in Deutschland aufforderte, sich mehr mit dem Christentum und den christlichen Werten auseinanderzusetzen. Sie sieht für Christen die Notwendigkeit, noch mehr und selbstbewusst über ihre christlichen Werte zu sprechen und die eigenen Kenntnisse über ihre Religion zu vertiefen.

Für die Herausforderungen unserer Zeit - in welcher Form Lösungen für das Flüchtlingsthema zu finden sind bis zur Überwindung des heute vorherrschenden zerstörerischen Lebensstil - ergibt sich also der gleiche Ansatzpunkt.

 

Ganz besonders wir als Deutsche müssen uns auf unsere Werte besinnen, die heute und in Zukunft die Grundlage unserer freien Gesellschaft sind und bleiben sollen.

 

Was aber ganz konkret sind denn unserer Werte? Es ist klar, dass diese aus unserer christlich-jüdischen Tradition, Humanismus, Aufklärung und der Befreiung vom Nationalsozialismus hervorgegangen sind. Und es ist hoffentlich der großen Mehrheit der Deutschen klar, dass wir unsere Werte nicht dadurch verteidigen können, indem wir sie mit Füßen treten. Rechtsradikale Tendenzen sind keine Verteidigung unserer Werte und des Abendlands, sondern sie zerstören das Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Sie sind eine Wegabzweigung zurück in das dunkelste Kapitel unserer Geschichte.

 

In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau gibt der zeitgenössische Philosoph Herbert Schnädelbach einen guten Einblick zum Thema, insbesondere zum Spannungsfeld von Werten und Normen sowie Vernunft und Glaube. In unserer freien Gesellschaften leben wir einen Wertepluralismus und aufgrund der Lebensbedingungen können sich Werte auch ändern. Wertewandel und Toleranz sind also ebenfalls Grundlagen für eine friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Entscheidend ist, dass unser Rechtssystem Wertewandel und Wertepluralismus "pflegt", d.h. Normen setzt und durchsetzt. Dazu gehören unsere Grundrechte (Beispiele: Gleichberechtigung von Mann und Frau, Toleranz, Religionsfreiheit, Asylrecht) und völkerrechtlich vereinbarte Normen (Beispiele: Menschenrechte und mit dem Klimaabkommen von Paris auch das Ziel, die Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit auf maximal 2° Celsius zu beschränken). In diesem Rahmen haben wir eine gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Vielfalt in unserem Land, deren Vorzüge es zu bewahren gilt. Abgrenzung, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt sind offenkundig die falschen Mittel um die Vorzüge unseres Wertesystems und Wohlstands zu bewahren.

 

Da der freie Mensch offensichtlich aber auch die Freiheit hat, sich für das Böse zu entscheiden, ist dieser Ordnungsrahmen unverzichtbar. Eine tiefergehende Besinnung auf die christlichen Werte gibt in der verbleibenden Beliebigkeit – ganz im Sinne Kants - moralische Orientierung, die entscheidend wichtig für die Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit ist. In diesem Sinne sind wir alle eingeladen, uns mit der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus auseinanderzusetzen. Sie ist, mit Ausnahme des spirituellen zweiten Kapitels, so geschrieben, dass jeder aufgeklärte Mensch sie mit klarem Denken nachvollziehen und die Gültigkeit ihrer Aussagen für sich überprüfen kann.

 

Entgierung, christliche Werte, neuer Lebensstil, Genügsamkeit: Umwelt-Enzyklika Laudato si´

Papst Franziskus: sozio-ökologische Krise erfordert Armut bekämpfen und Natur hüten

Im Mai 2015 erschien die "Umwelt-Enzyklika"[3] von Papst Franziskus. Darin gibt er auf Grundlage  der "besten Ergebnisse des heutigen Stands der wissenschaftlichen Forschung" einen Überblick zur ökologischen Krise und verknüpft dies mit der globalen sozialen Ungerechtigkeit. Franziskus gibt in der Enzyklika ganz praktische Leitlinien. Beispiele:

  • Technologien, die auf der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas beruhen müssen durch Erneuerbare Energien ersetzt werden.
  • Wir brauchen:
    • eine nachhaltige und vielgestaltige Landwirtschaft
    • erneuerbare und möglichst umweltfreundliche Energieformen
    • eine größere Energieeffizienz
    • eine angemessenere Verwaltung der Ressourcen aus Wald und Meer
    • Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle.
  • Der reiche Norden muss seiner Klimaschuld gegenüber dem Süden gerecht werden (finanziell, Technologietransfer, Anerkennung von Klimaflüchtlingen).
  • Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft und nicht dem technokratischen Denken unterwerfen.

Zur langfristigen Lösung der heutigen globalen sozio-ökologischen Krise ist darüber hinaus aber ein noch viel grundlegender Wandel nötig: Der Mensch braucht einen neuen Lebensstil.

 

Im zweiten Kapitel  (Das Evangelium der Schöpfung) entwickelt Papst Franziskus aus der Genesis heraus Kernaussagen zum christlichen Weltbild und den christlichen Werten. Auf der Grundlage des eklatanten Widerspruchs zwischen dem Ideal des christlichen Weltbilds (Harmonie in den drei fundamentalen, eng miteinander verbundenen Beziehungen des Menschen zu Gott, zum Nächsten und zur Erde) und der heutigen globalen sozio-ökologischen Krise analysiert Papst Franziskus die tieferen Ursachen (Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise). Einerseits zeigt sich eine Übereinstimmung zur Analyse des Umweltforschers Weizsäcker, der die Entstehung des zerstörerischen Lebensstils beginnend mit dem Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679) entlang der Entwicklung in Philosophie, Ökonomie und Industrialisierung der letzten 2 Jahrhunderte betrachtet. Papst Franziskus geht in seiner Analyse allerdings viel tiefer. Er betrachtet ebenfalls die Entwicklungen der letzten 2 Jahrhunderte, die zur heutigen destruktiven Lage führten, legt den Schwerpunkt dabei aber auf Wissenschaft, technologische Entwicklung und zeigt, dass die Menschen in ihrer ethischen Entwicklung nicht mit den rasanten Veränderungen Schritt halten konnten, die der technische Fortschritt insbesondere in den letzten Jahrzehnten gebracht hat.

Ethisch orientierungslos ordnet sich deshalb das Denken und Handeln der Menschen den technokratischen Anforderungen, dem technokratischen Denken unter und dies beschränkt die Freiheit der Menschen - weitgehend ohne dass diese sich dessen bewusst sind da viele Freiheit mit der Situation verwechseln, alles Mögliche und Unnütze konsumieren zu können. So fallen viele Menschen in einen fehlgeleiteten Lebensstil, stellen sich selbst ins Zentrum und geben ihren durch die Umstände bedingten Vorteilen absoluten Vorrang, und alles was nicht den unmittelbaren eigenen Interessen dient wird irrelevant.

Franziskus zeigt aber auch einen Ausweg. "Viele Dinge müssen ihren Lauf neu orientieren, vor allem aber muss die Menschheit sich ändern."[3,(202)] Alleine ein gemeinsames Grundbewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft würde die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen erlauben.

Konkret geht er dabei auf den Lebensstil ein, der sich ändern muss. Er ruft zu einem neuen Bündnis zwischen Menschheit und Umwelt auf. Und schließlich skizziert er, wie jeder Einzelne mehr Lebensqualität und mehr Glück erfahren kann, indem man sich auf die großen Werte und Tugenden besinnt und diese lebt. Franziskus zeigt im Zusammenhang, wie dies - vielleicht als ein Entwicklungsweg in Freiheit - für den Einzelnen aussehen kann: Genügsamkeit, Demut, innerer Friede,  (Nächsten-)Liebe.